28.09.2013 | Auch das ist RostockKTV | Stadtleben > Auch das ist Rostock > Aus Rostock: "Tabellenbuch Holztechnik"

Ein Fachbuch für viele

Hardcover. Hochglanzpapier. Viele Bildchen. Lesebändchen. Schönes Buch. Trotz des speziellen Inhalts dürfte sich eine recht große Zielgruppe finden für das "Tabellenbuch Holztechnik".


Der Rostocker Tischler und Berufsschullehrer Ole Welzel hat drei Jahre in das Buch investiert. Jetzt steht sein Name zweimal auf dem Buchdeckel – als einer der fünf Autoren und als Herausgeber. Die literarische Qualität dieses Schmökers hält sich selbstverständlich in Grenzen. Es gibt nur wenige Seiten, auf denen ganze Sätze vorkommen. Muss auch nicht sein, denn wer das Buch zur Hand nimmt, der will nicht lesen. Der hat ein Problem. Der interessiert sich für Schraubenkopfformen, Schar- bzw. Furniere oder die Handelsmaße einer Sandwichplatte mit Swap-Sinus-Zellen-Mittellage. Der Text strotz vor Abkürzungen, die nur dem Fachmann etwas sagen – vom KPVAC bis zu MFB EN 312.

Doch schnell finden sich auch Kapitel, mit denen ein mittelmäßig begabter Hobbybastler mit ESP-Vergangenheit einer polytechnischen Oberschule etwas anfangen kann: geometrische Konstruktionen, Aufbau eines gewachsenen Holzstamms, Einbaumaße für Einsteckschlösser, eine Tabelle mit verschiedenen Frischholz- und Trockenholzinsekten, die Mindestanforderungen an Bauteile zur Einbruchsicherung, die Vorstellung verschiedener Werkzeuge und Handmaschinen bis hin zu Beispielen zu Kostenrechnung und Kalkulation. Der Tag, an denen solche Informationen wichtig werden können, ist auch für technische Laien durchaus vorstellbar.

Geradezu unterhaltsam wird das Buch im Geschichtskapitel: In einer Stilkunde werden auf 40 Seiten prägnante Merkmale für Möbel und Architektur gezeigt – von der romanischen Truhe über die Barocksessel bis hin zur heutigen Einbauküche. Dazwischen – und das verdient besondere Aufmerksamkeit – werden die Stilentwicklungen in der Bundesrepublik und in der DDR gleichwertig gegenübergestellt. Oberflächen wie Sprelacart und Resopal tauchen ebenso auf wie die Idee des MDW-Programms.

Das "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" von 1967 war das erste Montagemöbelsystem, mit dem die Nutzer sich ihre Möbel selbst zusammenstellen konnten – Systeme, die heute in den Möbelhäusern gang und gebe sind. Die technische Grundlage dieser Idee ist bis heute die Exzenterverbindung: Die halbe Drehung, mit der man heute eine Möbelplatte im rechten Winkel mit der anderen Möbelplatte verbinden kann – gleichermaßen fest wie lösbar - das ist eine Erfindung des DDR-Formgestalters Rudolf Horn. Leider kam die eigentliche Idee des Konstruktionssystems für DDR-Konsumenten nicht bis ins Ziel: Das Produkt auf halber Strecke war die "Schrankwand", bei deren Aufbau in einem WBS 70–Wohnzimmer die Gestaltungsmöglichkeiten doch recht eingeschränkt waren. Das Ziel des MDW war ursprünglich, die Produktion solcher Norm-Möbel überflüssig zu machen. Laut Aussage des Herausgebers ist das die erste gleichwertige Gegenüberstellung der Ost- und West-Möbelstile überhaupt.

Könnte der restliche Inhalt nicht derselbe sein wie der vergleichbarer Tabellenbücher aus den 1990er-Jahren? Hat sich seitdem etwas Grundlegendes verändert? Selbstverständlich – und auch das ist selbst für Laien augenfällig: In diesem neuen Buch geht es viel mehr um den Verbraucherschutz – der ist erst im vergangenen Jahrzehnt zu einem wirklichen Thema geworden: 2001 nahm das zuständige Bundesministerium den Verbraucherschutz in seinen Namen auf. Die inzwischen europaweit geltenden Normen finden sich zum ersten Mal umfassend in diesem Tabellenbuch wieder: Von den verschiedenen Holzschutzmitteln über den Energieausweis bis zu den Feuerwiderstandsklassen verschiedener Baustoffe ist jetzt alles aufgeführt.

Weiterführende Links:
Die Website des Autors Ole Welzel

Wie kann dieses Buch trotz dieser unglaublichen Fülle an Informationen nur handliche 500 Seiten haben? Es hat den Ballast in QR-Codes gesteckt. Früher wurde Gesetzestexte, Ausführungsbestimmungen und weitere umfassende Tabellen in einem Apparat untergebracht. Der dürfte jedoch den Umfang dieses Buches um ein Vielfaches übersteigen. Wer also in der siebenseitigen Tabelle mit den gängigsten Holzarten nicht fündig wird, der kann sich die restlichen 350 Hölzer per Smartphone aus dem Internet saugen. Wer sich nicht durch die Tabelle mit den Fenster- und Türenmaßen hangeln kann, der scannt sich per QR-Code zu einem Internetrechner für Fenster und Außentüren. Ein Griff zum Handy – und der Text der Gefahrenstoffverordnung ist papierfrei nachzulesen. Natürlich in der jeweils aktuellen Version.

Das Buch heißt "Holztechnik", aber es erweist sich nicht nur für Schreiner und Tischler als praktikabler Ratgeber, sondern ebenso für Trockenbauer, Fensterbauer, Häuslebauer, Konstrukteure – und eben Hobbybastler.Für den interessierten Laien enthält das Buch viele Geheimtipps. Die Anschaffung könnte sich auch für bewusste Verbraucher durchaus lohnen. Und das Schönste: Es kommt aus Rostock.

Frank Schlößer


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